Im München der 1960er Jahre tummelte sich reichlich Prominenz aus Literatur, Musik und Film. Als Kind waren mir viele natürlich unbekannt (oder schlichtweg egal), aber den Erich Kästner kannte ich. Erstens weil sein Foto in seinen Büchern abgebildet war und zweitens weil er damals auch noch Lesungen an Münchner Schulen hielt (leider nicht an meiner).
Ab 1963 wohnten wir in der Tengstraße, unweit des Hohenzollernplatzes. Der damals schön bepflanzte Platz querte meinen täglichen Schulweg. Im Sommer war die Eisdiele 'San Marco' eine ewige Versuchung. Dort wurde das Eis noch traditionell italienisch gespachtelt und nicht in Kugelform aufgedrückt. Der grießgrämige Besitzer spachtelte uns Kindern immer eher sparsam eins auf die Waffel. Seine liebe Gattin war das genaue Gegenteil. Sie liebte Kinder und bei ihr gab es für unsere -.20 Pfennige praktisch die doppelte Portion. Klarer Fall dass wir immer auf 'Mama Marco' warteten bevor es an's spachteln ging.
Hier der ganze Platz in seiner vollen Pracht. Die Eisdiele 'San Marco' wäre in der Fortsetzung links im Bild. Leider hab ich davon kein Foto aus dieser Zeit, aber auch heute ist im ehemaligen 'San Marco' noch ein Caféhaus.
Ganz hinten links im Bild, das Lokal 'Schwabinger Weinbesser'. Dort musste ich jeden Tag zweimal auf dem Weg zur Schule vorbei. Genau an dieser Ecke vor dem Weinbeisser fanden auch immer unsere Buben-Boxkämpfe statt. Aber das wäre ein nasenblutiges Thema. Jedenfalls ...
... war ich eines Sommerabends noch im 'San Marco' um mir ein feines Nuss-Eis zu gönnen. Die Hausregel bei uns war, man musste vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein und deshalb waren die Abende im Sommer einfach die längeren und damit schöneren. Ich trödelte also Eis schleckend über den Hohenzollernplatz als mir Erich Kästner persönlich über den Weg lief. Ich muss ziemlich blöd erstaunt ausgesehen haben, weil er kurz grinste als er mich erstarrt stehen sah. Dann ging er zügig Richtung Weinbeisser und verschwand im Lokal.
Der 'Schwabinger Weinbeisser' war damals einer der angesagten Treffpunkte der Kulturszene. Später (als ich schon mehr Durchblick hatte) habe ich dort auch den Kabarettisten + Schauspieler Werner Finck oder den genialen Taubenvergifter Georg Kreisler gesehen.
Ab da wünschte ich mir ein signiertes Exemplar von 'Emil und die Detektive'. Ich schleppte also mindestens ein halbes Jahr meine Ausgabe im Schulranzen herum. Und immer einen kleinen Block plus Stift in der Tasche, um mir wenigstens ein Autogramm vom Kästner geben lassen zu können (falls ich das Buch nicht dabei haben sollte). Leider hat es nicht geklappt. Herr Kästner hat mir nie wieder die Ehre seiner Begegnung gegeben. Obwohl ich Abends ziemlich viel Eis auf dem Hohenzollernplatz verspeiste. Was tut man nicht alles für gute Literatur!
Den alten Platz gibt es als bepflanzte Freifläche heute leider nicht mehr. Durch den U-Bahn-Bau wurde dort reichlich betoniert und zugepflastert. Aber, im Zuge der Umbauten bekam Erich Kästner 1977 im nördlichen Teil seine eigene Straße. Ob das mit dem 'Schwabinger Weinbeisser' zusammen hing weiß ich allerdings nicht.



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